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Edward Yangs »The Wind« nach 20 Jahren endlich im Kino

Der taiwanesische Regisseur Edward Yang hinterließ nach seinem Tod 2007 nicht nur ein cineastisches Erbe, sondern auch eine Vision, die jetzt vielleicht Wirklichkeit werden kann: ein Animationsfilm der alten Schule dank Adobe Photoshop und Flash – und eventuell dank Jackie Chan.

Edward Yang war in den 1980ern und 1990ern ein angesehener Drehbuchautor und Regisseur. Der Taiwanese studierte eigentlich Elektrotechnik und arbeitete einige Jahre in den USA. Das Medium Film zog ihn immer schon in den Bann, und so geriet er nach und nach in diese Branche. Bis er schließlich aus dem taiwanesischen Kino nicht mehr wegzudiskutieren war.

Elektrotechnik trifft auf Computerdesign

Sein Studium in Elektrotechnik und seine Arbeit am Center for Informatics Research an der Universität von Florida vermischte Edward Yang, geboren als Yang Dechang am 6. November 1947, Anfang der 2000er mit modernem Computer- und Animationsdesign.

Als Edward Yang in den 1980ern von den US-Filmschulen enttäuscht war, weil sie seiner Meinung nach zu kommerziell unterrichteten, zog es ihn nach Seattle. Dort arbeitete er an Computer-Software im Bereich Verteidigung. Als er zu jener Zeit Werner Herzogs Film »Aguirre, Der Zorn Gottes« (1972) mit Klaus Kinski sah, wurde er inspiriert und studierte eigenmächtig das klassische europäische Kino. Der Grundstein für Edward Yangs eigene Arbeit war gelegt.

Nach Filmen wie »Taipei Story« (1985), »Ein Sommer Zum Verlieben« (1991) und anderen kam Edward Yang auf die Idee, seine Studienhintergründe mit seiner Leidenschaft für Film zu vermischen. So gründete er im Jahr 2000 seine Firma Miluku Technology & Entertainment (鎧甲娛樂科技), die Computeranimationen für Film, TV und Internet produzieren sollte.

Kooperation mit der JC Group

Edward Yang war seiner Zeit viele Jahre voraus und legte sofort den nächsten Gang ein. Nur wenige Monate nach Firmengründung wurde die Website des Unternehmens unter www.miluku.com groß eröffnet. Partner war unter anderem YAHOO! Die Website stellte einige Inhalte dar, Arbeitsproben und verwies auf die Philosophie von Miluku – Edward Yang wollte ganz Asien mit Computeranimationen bedienen.

Als im Februar 2002 alle Türen online geöffnet wurden, waren die meisten Filmemacher in Hongkong und Taiwan davon überzeugt, dass Miluku die Zukunft im Animationsfilm ist. Über 150 animierte Clips, die in den Jahren zuvor entwickelt wurden, wurden kostenlos auf die Plattform hochgeladen und stellten damals das teuerste Projekt seiner Art dar.

Mit einer eigenen Web-Serie namens »A Lover's Way« (情人之路) feierte Miluku regelmäßig Erfolge: Über 150.000 Besuche verzeichnete die Website alleine wegen dieser Animation pro Tag. »A Lover's Way« wurde mit der Software Flash produziert, die damals schwer angesagt, heute aber als veraltet gilt.

Nur einen Monat später, im Mai 2002, verkündeten Miluku und die JC Group, Jackie Chans Büro, ihre offizielle Partnerschaft. Schon Monate zuvor trafen sich Edward Yang und Jackie Chan, um gemeinsame Filmprojekte zu besprechen. Jackie wollte eher ein Drama realisieren, doch Edward Yang konnte ihn von seiner neuen Technik überzeugen. Ältere Screen-Power-Ausgaben und Berichte in der Kid's Corner auf Jackies Website klären darüber auf.

Ausschnitt aus ''The Wind'' - copyright 2004 by miluku Technology

Die unvollendeten Werke von Edward Yang und Jackie Chan

Geplant war eine ganze Reihe von Miluku-produzierten Inhalten, die sich über Kino, TV, Internet und Videospiele erstreckten. So startete man bereits 2002 online mit vier Clips eines animierten Jackie Chans:

Clip 1 zeigt Jackie als Pianisten, der einige Saltos macht und Kicks verteilt. Clip 2 ist eine Hommage an »Der Pate« und Marlon Brando; Jackie schmiert sich Öl in die Haare und stopft sich Dim Sum in die Wangen, um einen »God Brother« darzustellen. Dann gab es in Clip 3 noch einen Jackie Chan verkleidet als Rhett (Clark Gable) aus »Vom Winde Verweht« und in Clip 4 verkleidet als Humphrey Bogart in »Casablanca«. Diese Flash-Animationen waren nur eine Zeitlang online und gelten heute als verschollen. Wer sie also zuhause auf einem alten Datenträger findet, hat Glück – und mag sich bitte mit mir in Verbindung setzen.

Neben der bereits veröffentlichten Web-Serie, basierend auf Adobe Flash, war eine TV-Serie ähnlich der damals erfolgreich laufenden »Jackie Chan Adventures« geplant. Ebenso ein Videospiel – für welche Plattform ist nicht bekannt. Und zu guter Letzt arbeiteten Jackie Chan und Edward Yang an einem gemeinsamen Animationsfilm fürs Kino.

»The Wind« wird endlich fertiggestellt

Bei dem Kinofilm gibt es einige widersprüchliche Angaben. Es könnte sein, dass man mehrere plante und bereits 2004 mit einem Animationsfilm basierend auf der Web-Serie starten wollte. Wie man weiß, erschien dieser aber nicht, genau wie die TV-Serie. Stattdessen wurde aber fleißig an einem Projekt namens »The Wind« gearbeitet.

Dieser Animationsfilm war von 2004 an in Produktion. Jackie Chan und Edward Yang arbeiteten hier als Ko-Produzenten eng zusammen, und man kann davon ausgehen, dass Jackie auch einen Part als Synchronsprecher angenommen hätte – wäre Edward Yang nicht auf tragische Weise am 29. Juni 2007 an Darmkrebs verstorben.

Die junge Firma Miluku hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht etabliert und so gerieten viele Projekte nach dem Tod ihres Gründers ins Stocken, bis sie schließlich ganz in Vergessenheit gerieten. Aus »The Wind«, der für 2007 angedacht war, wurde leider nichts. Doch ein paar Jahre später stellten fleißige Mitarbeiter des Designteams mithilfe der Software Photoshop und Flash einen knapp 10-minütigen Ausschnitt aus »The Wind« zusammen und teilten ihn mit der Öffentlichkeit. An diesem Clip hat Jackie Chan nicht mitgearbeitet, doch aktuelle Nachrichten laut der Filmdatenbank Movie Douban könnten das vielleicht ändern.

Denn vor kurzem wurde bekannt, dass in Gedenken an Edward Yang 2022 ein Film namens »Chasing The Wind« (追风录) erscheinen und die Arbeiten von damals fortsetzen soll. So wäre nach zwanzig Jahren nach Start der Miluku-Vision dieser Feature-Film endlich vollendet. Und eventuell zeigt sich Jackie Chan solidarisch und arbeitet an diesem Projekt wieder mit.

Text © Thorsten Boose

Letzte Änderung dieser Seite: 23.11.2019 13:24 Uhr

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Über den Autor

Thorsten BooseJackie Chans Filme und das Hongkong-Kino allgemein haben mich früh geprägt. Heute verbinde ich meine Leidenschaft zum Film mit dem Beruflichen, indem ich über die Hongkong-Filmlegende schreibe. Dabei habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, rund um Jackie Chan als Experte und Historiker für deutschsprachige Fans für Aufklärung zu sorgen.

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Thorsten Boose (*1986), Jackie-Chan-Filmexperte und Autor mehrerer Bücher über die Hongkong-Filmlegende.

Seit 2008 bin ich schriftstellerisch aktiv. Schon vor und während meines Designstudiums habe ich mich mit den unterschiedlichsten Textarten freiberuflich auseinandergesetzt. Seitdem übernehme ich Auftragsarbeiten aus allen Bereichen der Text- und Konzeptionsarbeit. Neben bisher über 50 Publikationen in unterschiedlichen Themenbereichen arbeite ich zudem kontinuierlich an eigenen Büchern, eBooks und Theaterstücken.

Als Ausgleich zur zeitfressenden, aber spannenden Arbeit als Jackie-Chan-Filmexperte und Historiker widme ich mich auch der Kampfkunst. Neben Kickboxen betreibe ich auch Wing Chun und verinnerliche die Lehren von Bruce Lees Jeet Kune Do. Wie Jackie Chan in seinen Filmen gehe ich so aus Leidenschaft meinem eigenen Stil nach.

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