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Duang! – Wie Jackie Chan viral ging und ein neues chinesisches Schriftzeichen erfand

Anfang der 80er Jahre wurde aus dem Stuntman Jackie Chan der Superstar. Mit dem Erfolg seiner Filme wurde auch sein Name vermarktet. So war er im Laufe der Jahre immer mal Werbeträger für die unterschiedlichsten Marken. Den nachhaltigen Erfolg einer schlechten Shampoo-Werbung von 2004 war damals jedoch niemandem bewusst.

Auch wenn Jackie Chan 2004 bereits vom Superstar in Asien zum weltweiten Megastar aufgestiegen war, so blieb er seiner Heimat doch immer treu und unterstützte einheimische Produkte, Erfindungen und Talente. Die Firma Bawang bat den Schauspieler um seine Hilfe zur Promotion eines Shampoos – und Jackie Chan wurde zum Haar-Testimonial.

Bawang Shampoo Werbespot

In dem Werbespot, der in der Art eines Infomercial gedreht wurde, erklärt Jackie Chan auf Chinesisch die Vorteile dieses Shampoos. In der Tat soll es nicht nur für die Haarpflege gut sein, nein, es fördert laut Hersteller sogar das Haarwachstum. Was sich in den Erklärungen der Kung-Fu-Legende erstmal wie abgelesen anhört, wird ironischerweise nur noch vom Improvisationstalent von Jackie Chan getoppt.

„… nach dem Drehen werden Computereffekte hinzugefügt, das Haar – DUANG! – wird schwarz, seidig glänzend und zart.“

(weiter nach dem Video)

Wie war das? Duang? Das ist doch kein richtiges Wort! Ist es auch nicht. Duang ist Jackie Chans Lautmalerei für das Geräusch aufploppender Haare. Wer kennt es nicht … Doch auch dieser chinesische onomatopoetische Neologismus trug nicht sonderlich zum Erfolg von Bawang Shampoo bei.

Jackie Chan geht viral dank Sozialer Medien

Lange war es still um Bawang und Duang. Erst Anfang März 2015 hörte man wieder was vom umstrittenen Shampoo, das mittlerweile sogar im Verdacht stand, krebserregend zu sein. Ein Nutzer hatte den damaligen Werbespot neu geschnitten und mit einem Song unterlegt. Dabei hatte er die Betonung des Wortes Duang extra hervorgehoben. Was es 2004 noch nicht gab, ging 2015 dank Sozialer Medien schnell viral.

Das neue Video wurde am 20. Februar 2015 auf die chinesische Videoplattform Bilibili hochgeladen. Der verwendete Song heißt „My Skate Shoes“ (我的滑板鞋). Die Aussage dieses Remix-Videos ist eine andere als im Original. Im Video behauptet Jackie Chan, dass er überhaupt gar keine Haare hat; dies wird mit mehrfachen DUANGS geschnitten:

„Nach einem Monat Arbeit mit Computereffekten macht das Haar – DUA-A-A-NG! – obwohl ich wusste, dass sie nicht echt sind wegen der ganzen Chemikalien. Jetzt füge ich jeden Tag ein paar Computereffekte hinzu … eigentlich viele Effekte … und das Haar macht DUANG DUANG DUANG – das Haar ist wieder robust und glänzend.“

Bereits 2010 stand die chinesische Firma Bawang nämlich unter Verdacht, seinem Shampoo Chemikalien hinzugefügt zu haben, die krebserregend sind. Innerhalb von wenigen Tagen wurde das Video sooft geteilt und darüber geredet, dass der Ausdruck Duang auf der chinesischen Mikroblogging-Website Weibo, ein Twitter-Pendant, über 8 Millionen mal auftauchte, mit über 312.000 Kommentaren unter 15.000 Nutzern. Selbst in der chinesischen Suchmaschine Baidu, ein Google-Pendant, wurde das Wort 600.000 mal gesucht.

Was bedeutet Duang denn jetzt?

Doch damit nicht genug. Duang wurde nicht nur zum viralen Internetphänomen, auch in der Umgangssprache der Jugend hat es sich schnell eingelebt. Jeder wollte wissen, was es bedeutet. Auch wenn es keine offensichtliche Bedeutung gibt, auf Weibo wurde fleißig diskutiert. Mittlerweile haben sich zwei Bedeutungen im alltäglichen Sprachgebrauch durchgesetzt:

  • als verstärkendes Adjektiv wie in „das ist mega süß“, wobei mega zu Duang wird
  • Duang wird bildlich gleichgesetzt mit dem Ausdruck „mit Computereffekten ausgestattet“

Da das Wort Duang nicht geschützt ist, nutzten viele andere Firmen, darunter Bawang selbst, den Ausdruck, um für ihre Produkte Werbung zu machen. Selbst die chinesische Regierung war involviert. Diese gestattete die Nutzung und Verbreitung des Wortes Duang, auch wenn es in der Vergangenheit dank der harten Zensur in China oft zu Codewörtern kam, die auf der Schwarzen Liste landeten.

Offiziell ist Duang kein Wort und daher nicht mit einem eigenen Schriftzeichen zu schreiben. Doch die Fans von Jackie Chan und Duang bewiesen Eigeninitiative und kreierten kurzerhand das Schriftzeichen selbst. Es besteht aus den Schriftzeichen für Sing Lung (Cheng Long), die untereinander angeordnet sind, und zollen ihrem Schöpfer damit Tribut – denn Jackie Chans chinesischer Name lautet Sing Lung (Cheng Long).

Duang als traditionelles chinesisches Schriftzeichen (Sing Lung) Duang als vereinfachtes chinesisches Schriftzeichen (Cheng Long)
Duang als traditionelles chinesisches Schriftzeichen
(Sing Lung)
Duang als vereinfachtes chinesisches Schriftzeichen
(Cheng Long)

Jackie Chan selbst war vom Effekt seines Duangs sehr überrascht, freute sich aber, dass seine Landsmänner so viel Freude und Kreativität verspürten und kündigte in Zukunft weitere tolle Filme für seine Fans an. Dies war nicht nur so gesagt, Jackie Chan hielt Wort und eine Überraschung für alle parat, die es erkannt haben.

Duang als Easteregg in Jackie Chans Filmen

[SPOILER]

Es sollte nicht lange dauern, bis Jackie Chan den Erfolg seines eigens kreierten, wenn auch nicht gewollten Ruhmes des Wortes Duang sich zu Nutze machte. Im Film "Skiptrace" von 2016 mit Johnny Knoxville kommt das Wort zwar nicht im Film selbst vor, dafür aber in dem chinesischen Musikvideo mit Jackie Chan.

Dieses bunte Feuerwerk an chinesischer Popmusik beruht auf dem Lied "So Transparent Is My Heart" (明明白白我的心) von 1992, das im Duett von Sarah Chen und Jackie Chan auf seinem Album "The First Time" gesungen wird und bis heute als sehr bekanntes Lied in China gilt. Im Film "Skiptrace" muss sich die Figur von Johnny Knoxville durch ein Straßenfest "kämpfen" und dabei zum Erstaunen von Jackie Chans Figur diesen Song singen.

Ein schöner Marketing-Gag, der gleich zu einer Neuauflage des Liedes zum Kinostart des Filmes in China führte. Im Video prangt DUANG im Hintergrund an der Wand, es gibt Matrjoschka-Puppen, die aussehen wie Jackie Chan, und dutzende altbekannte Filmfiguren aus Jackie Chans Blockbustern, die um die Wette tanzen.

Auch im Film „Railroad Tigers“ von 2016, der einige Monate später veröffentlicht wurde, findet DUANG seinen Platz. Hier muss Jackie Chan mit einem Team taffer Rebellen eine Brücke sprengen. Sein Sohn Jaycee Chan ist ebenfalls mit an Bord. In einer Szene zur Vorbereitung der Sprengung findet folgender Dialog statt:

„Wartet mal kurz. Wie benutzt man den [Sprengstoff]?“ (Jaycee Chan)

„Na, ganz einfach. Wir schmeißen die Päckchen auf die Brücke – DUANG DUANG – sie explodiert.“ (Jackie Chan)

„Duang?“ (alle anderen)

Jackie Chan baut hier sogar eine Geste ein, indem er sich die Haare aus dem Gesicht wirft und dabei verschmitzt lächelt. Wenn das mal kein schönes subtiles Eastereggs des Schauspielers ist.

Szene aus ''Railroad Tigers'' (2016) - copyright 2016 by Sparkle Roll Media & Shanghai Film Group

Foto: Szene aus "Railroad Tigers" (2016) - copyright 2016 by Sparkle Roll Media & Shanghai Film Group

[SPOILER-ENDE]

Hier hat die deutsche Synchronarbeit des Films alles richtig gemacht! Jackie Chan macht sich hier gerne über sich selbst lustig und hält Duang auf internationale Ebene für die Ewigkeit fest. Wir dürfen gespannt sein, in welchen künftigen Filmen uns dieser Ausdruck noch um die Ohren ploppen wird wie aufgeploppte Haare im Original-Werbespot von 2004.

So spricht man Duang richtig aus:

Text © Thorsten Boose

Letzte Änderung dieser Seite: 12.05.2018 13:08 Uhr

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Über den Autor

Thorsten BooseJackie Chans Filme und das Hongkong-Kino allgemein haben mich früh geprägt. Heute verbinde ich meine Leidenschaft zum Film mit dem Beruflichen, indem ich über die Hongkong-Filmlegende schreibe. Dabei habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, rund um Jackie Chan als Experte und Historiker für deutschsprachige Fans für Aufklärung zu sorgen.

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Thorsten Boose (*1986), Jackie-Chan-Filmexperte und Autor mehrerer Bücher über die Hongkong-Filmlegende.

Seit 2008 bin ich schriftstellerisch aktiv. Schon vor und während meines Designstudiums habe ich mich mit den unterschiedlichsten Textarten freiberuflich auseinandergesetzt. Seitdem übernehme ich Auftragsarbeiten aus allen Bereichen der Text- und Konzeptionsarbeit. Neben bisher über 50 Publikationen in unterschiedlichen Themenbereichen arbeite ich zudem kontinuierlich an eigenen Büchern, eBooks und Theaterstücken.

Als Ausgleich zur zeitfressenden, aber spannenden Arbeit als Jackie-Chan-Filmexperte und Historiker widme ich mich auch der Kampfkunst. Neben Kickboxen betreibe ich auch Wing Chun und verinnerliche die Lehren von Bruce Lees Jeet Kune Do. Wie Jackie Chan in seinen Filmen gehe ich so aus Leidenschaft meinem eigenen Stil nach.

© 2008-2017 | Thorsten Boose | Autor & Jackie-Chan-Experte ImpressumGeschäftlicher Kontakt

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