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10 Jahre Kindesmissbrauch: Jackie Chans Ausbildungsvertrag der China Drama Academy

Als Jackie Chan 1961 zum ersten Mal mit seinem Vater die Schule von Meister Yu Jim-Yuen in Hongkong besuchte, konnte er seinen Augen kaum trauen. Den ganzen Tag durften hier Kinder in seinem Alter Spaß haben – das wollte der Rabauke Jackie Chan auch. Per Vertrag wurde der damals 7-Jährige für zehn Jahre in die Obhut von Meister Yu Jim-Yuen gebracht. Ein Fehler?

Die China Drama Academy


Jackie Chan besuchte ab 1961 die China Drama Academy, eine strenge Schule unter Leitung des Meisters Yu Jim-Yuen, der seinen Schülern die traditionelle Kunst der Pekingoper mitsamt Akrobatik, Gesang, Tanz, Schauspiel und Kampfkunst beibrachte. Zu Jackies Schulkameraden gehörten damals schon Sammo Hung, Yuen Biao, Yuen Wah, Cory Yuen Kwai und andere, die danach steile Filmkarrieren hingelegt haben.

Die Kunst der Pekingoper wurde über Generationen traditionell auf einer Bühne vor hunderten von Leuten aufgeführt. Doch bereits Anfang der 1960er Jahre zeichnete sich ein Absinken des gesellschaftlichen Interesses daran ab. Schuld daran waren die immer aufwändiger produzierten Kinofilme genauso wie das Verbreiten des Fernsehens.

Nichtsdestotrotz gab es noch die alte Schule, im wahrsten Sinne des Wortes. Und die hatte es in sich, denn laut den damaligen Hongkonger Gesetzen durfte ein Lehrkörper so streng mit seinen Schülern umgehen, dass er sogar körperliche Gewalt anwenden durfte. Im Todesfall durfte die Schule von den Eltern nicht einmal verklagt werden.

Ihr glaubt es nicht? Dann schauen wir uns mal das offizielle Dokument der Schule zur Annahme von Schülern an.

Jackie Chans erster Künstlervertrag

In einem Online-Video führt die junge Chinesin An Baihui (安佰卉) durch die Jackie Chan Film Gallery, Chans eigenes Museum, das sich in Shanghai befindet. Die genaue Adresse findet ihr am Ende dieses Artikels.

Ab Minute 5:35 steht An Baihui vor einem historischen Dokument, das sich hinter Glas befindet: Jackie Chans Vertrag an der China Drama Academy von 1961. Die Reporterin erklärt sinngemäß folgendes:

»Egal, was damals in der Schule geschah, ob man krank wurde oder verletzt war oder sogar starb, rechtlich konnte man die Schule nicht dafür verantwortlich machen. Gott habe es dann so gewollt und als Schüler war man den Herausforderungen einfach nicht gewachsen.«

Unglaublich, oder? Das war 1961. Damals kam es aufgrund der strengen Erziehung und einem Mindestmaß an Fürsorge, was die Wohn- und Ernährungssituation der Kinder und Jugendlichen betraf, öfter zu Fluchtversuchen der Schülerinnen und Schüler, die geschlechtergetrennt voneinander unterrichtet wurden. Trainiert wurde von morgens 5 Uhr bis spät abends mit nur wenigen Pausen und gerade einmal so viel Essen, dass der Körper nicht erschlaffte.

Wurde ein Schüler bei der Flucht erwischt oder kehrte freiwillig zurück, wurde er unverhältnismäßig körperlich hart bestraft, zum Beispiel mit Bambusschlägen auf den blanken Po oder auf die Fingerknöchel. Nicht wenige mussten wohl vor Schmerzen in Ohnmacht gefallen sein. Ansatzweise zeigt der Film "Painted Faces" (1988), ohne Beteiligung Jackie Chans, die damaligen Umstände - heute unvorstellbar.

Die Regeln der China Drama Academy

Das Fotografieren in der Jackie Chan Film Gallery ist für Touristen strengstens verboten. Aus diesem Grund bediene ich mich hier eines Zooms des Screenshots der genehmigten Tour mit An Baihui.

Dabei fällt auf, dass Jackie Chan auf dem Foto viel älter aussieht als sieben Jahre; er dürfte wohl um die zwälf gewesen sein, als das Foto entstand. Nun, das liegt daran, dass dieses sich hinter Glas befindliche Dokument nicht das Original ist. Der abgebildete Vertrag ist zwar Original von 1961, allerdings als Blanko-Form ausgestellt. Das Foto eines zwölfjährigen Chans, der 1966 einer der Top-Akteure der Seven Little Fortunes, der Elitetruppe der China Drama Academy, war, ist einfach nur aussagekräftiger.

An Baihui (安佰卉) präsentiert Jackie Chans Ausbildungsvertrag der China Drama Academy in der Jackie Chan Film Gallery, Shanghai

Jackie Chans Ausbildungsvertrag der China Drama Academy in der Jackie Chan Film Gallery, Shanghai

Die nachfolgenden Regeln wurden dem chinesischen Dokument sinngemäß entnommen. Sie müssen nicht zwingend in der angegebenen Original-Reihenfolge wiedergegeben sein.

  • Das Datumsfeld zeigt »19... bis ...« und wurde bei Vertragsschluss ausgefüllt.

  • Die Kosten pro Monat beliefen sich auf 100 HKD für den Unterricht, 50 HKD fürs Essen, 20 HKD für die Unterkunft und sonstige Kosten um die 10 HKD.

  • Die Schule übernahm vorerst die Kosten für die Eltern.

  • Läuft ein Schüler weg oder hört mit der Schule auf, muss das vorausbezahlte Geld erstattet werden.

  • Es gibt keinen Nachlass und kein Recht auf Einspruch gegen die Rückzahlung.

  • Die Schule gibt den Lehrplan vor und den damit verbundenen Einsatzbereich außerhalb der Schule. Schüler werden also gegen Entgelt für Filme, Opern und andere Shows ausgeliehen. Die Eltern haben kein Recht auf Mitbestimmung und Entlohnung.

  • Sieht die China Drama Academy hohes Potenzial in einem Schüler und schickt diesen auf Tour, dürfen die Eltern keinen Widerspruch einlegen. Beeinträchtigen Eltern das Tourleben, ist mit einer Geldstrafe zu rechnen.

  • Entsteht ein Imageschaden, haften die Eltern dafür.

  • Eltern müssen sich an Besuchsregeln halten. Es obliegt der Schule, ob Eltern ihr Kind besuchen oder kurz mitnehmen dürfen.

  • Verhält sich ein Schüler ungezogen, muss die Schule es bestrafen. Dies darf die Schule aber nur, wenn die Eltern dem freiwillig zustimmen. Die freiwillige Zustimmung der Eltern wird von der Schule forciert.

  • Die Schule entscheidet je nach Fähigkeiten der Schüler, welche Rollen sie in Shows übernehmen. Auch hier haben Eltern kein Mitspracherecht.

  • Im Krankheits-, Unfall- oder sogar Todesfall von Schülern bekommen die Eltern keine Entschädigung.

  • Im Falle eines Krieges darf die Schule die Schüler jederzeit an die Eltern zurückgeben, ohne weitere Konsequenzen.

  • Ist oder wird ein Schüler während der Ausbildung zu schwach und kann am Unterricht nicht mehr teilnehmen, müssen die Eltern ein ärztliches Attest vorlegen. Erst wenn die Schule dieses Attest genehmigt, darf der Schüler vom Unterricht befreit werden oder gar die Schule verlassen. In diesem Fall müssen die Eltern alle bisher angefallenen Kosten übernehmen.

Als der kleine Jackie Chan damals in der Akademie herumtollte, war ihm nicht bewusst, was auf ihn zukommen sollte. Er dachte, sein Leben lang sich mit Gleichgesinnten die Zeit zu vertreiben. Als er von seinem Vater gefragt wurde, wie lange er bleiben wolle, sagte Jackie »Für immer«.

Ein Ausbildungsvertrag an der China Drama Academy gab es in verschiedenen Ausfertigungen. Die maximale Länge betrug dabei zehn volle Jahre. Das wollte Jackie, und so unterschieben laut Akademieregeln seine Eltern und Meister Yu Jim-Yuen den Vertrag.

In diesen zehn Jahren durchlief Jackie Chan, wie er beschreibt, die Hölle auf Erden, getrennt von seinen Eltern und den Gewalten seines Meisters ausgehändigt. Doch in all der Zeit lief er nicht einmal von der Schule weg.

1971 machte er seinen Abschluss. Sein Vater Charles kam aus Canberra, Australien, angeflogen, wo er seit Jahren arbeitete, und holte stolz seinen Sohn mit einem Auto ab. Jackie hatte zehn Jahre Tortur überlebt und schrie vor Glück auf der Fahrt in seine neue Wohnung »Ich bin frei!«.

An dieser Stelle einen herzlichen Dank für die Übersetzung des chinesischen Dokuments an Franziska Li (Yuanshan Li, 李苑珊) und Fabian Schweitzer.

Adresse der Jackie Chan Film Gallery: 88, Yunling East Road, Putuo District, Shanghai, China

Text © Thorsten Boose

Letzte Änderung dieser Seite: 17.05.2020 19:41 Uhr

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Über den Autor

Thorsten BooseJackie Chans Filme und das Hongkong-Kino allgemein haben mich früh geprägt. Heute verbinde ich meine Leidenschaft zum Film mit dem Beruflichen, indem ich über die Hongkong-Filmlegende schreibe. Dabei habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, rund um Jackie Chan als Experte und Historiker für deutschsprachige Fans für Aufklärung zu sorgen.

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Thorsten Boose (*1986), Jackie-Chan-Filmexperte und Autor mehrerer Bücher über die Hongkong-Filmlegende.

Seit 2008 bin ich schriftstellerisch aktiv. Schon vor und während meines Designstudiums habe ich mich mit den unterschiedlichsten Textarten freiberuflich auseinandergesetzt. Seitdem übernehme ich Auftragsarbeiten aus allen Bereichen der Text- und Konzeptionsarbeit. Neben bisher über 50 Publikationen in unterschiedlichen Themenbereichen arbeite ich zudem kontinuierlich an eigenen Büchern, eBooks und Theaterstücken.

Als Ausgleich zur zeitfressenden, aber spannenden Arbeit als Jackie-Chan-Filmexperte und Historiker widme ich mich auch der Kampfkunst. Neben Kickboxen betreibe ich auch Wing Chun und verinnerliche die Lehren von Bruce Lees Jeet Kune Do. Wie Jackie Chan in seinen Filmen gehe ich so aus Leidenschaft meinem eigenen Stil nach.

© 2008-2020 | Thorsten Boose | Autor & Jackie-Chan-Experte ImpressumGeschäftlicher Kontakt

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